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    <ntv:field ntv:name="subheadline">Naumann über Wirtschaft und Werte</ntv:field>
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    <ntv:field ntv:name="plainbody"><![CDATA[<p><i>Die deutsche Wirtschaft befindet sich im Aufschwung - und das, obwohl weltweit Rezessionsängste umgehen. Michael Naumann glaubt daher auch nicht, dass die glückliche Konjunkturphase lange anhalten wird. Mit n-tv.de spricht der ehemalige Kulturstaatsminister, der unter anderem als Chefredakteur des Magazins &quot;Cicero&quot; tätig ist, außerdem über Politikverdrossenheit, das Wertesystem und seinen größten Erfolg.</i></p><div data-adformat="sc_intxt" style="margin-top: -10px; margin-bottom: 10px;" id="sc_intxt"></div><p><b>n-tv.de: Steht es gut um Deutschland dieser Tage?</b></p><p>Michael Naumann: Die Wirtschaft scheint ja zu florieren. Aber ich habe das Gefühl, es handelt sich um das, was man in der Nationalökonomie einen "double dip" nennt, oder was Zyniker als "Dead cat bounce" beschreiben. Wir befinden uns in einem Konjunkturaufschwung mitten in einer globalen Rezession. Wir sind ja immer noch eine Exportnation, und die Hoffnung schwindet, dass unsere Abnehmer nicht ebenfalls in eine Wirtschaftskrise geraten. Sowohl China als auch die Vereinigten Staaten scheinen - ich betone: scheinen - wohl vor einer richtigen Rezession zu stehen. Die Wachstumsraten in China, einem unserer wesentlichen Partner, sinken offenkundig schneller als gedacht. In Amerika gibt es mehr als zehn Millionen Arbeitslose, wenn man den Statistiken glauben darf. Wenn man die Wirklichkeit kennt, sind es noch viel mehr. Kurzum: Unser auf Export fixiertes Land durchläuft im Augenblick eine glückliche Phase. Ob die anhält, bezweifele ich. Unsere Politik befindet sich in einer unglücklichen Phase. Seit der Wiederwahl von Angela Merkel werden wir praktisch nicht wirklich regiert. Man streitet sich. Das ist ein trauriges Schauspiel.</p><p><b>Noch einmal zurück zur Wirtschaft: Die Alternative zur Ankurbelung - nach Keynes - wäre doch, die Binnennachfrage zu erhöhen.</b></p><p>Inflationsbereinigt ist das Durchschnittseinkommen seit 1982 um 1,2 Prozentpunkte gesunken. Das ist einer der Gründe für unsere Konkurrenzfähigkeit. Die Stückkosten für unsere Produkte sind niedriger, die Qualität ist aber vergleichsweise höher. Dies wird durch die Arbeitnehmer bezahlt. Es muss jetzt einen größeren Gehaltssprung geben, um eben jenen Binnenkonsum anzukurbeln, der uns à la longue weniger abhängig macht vom Exportgeschäft, das ja wiederum abhängig ist von den Konjunkturlagen unserer Abnehmer.</p><div id="1302471"></div><p><b>Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle strebt eine geistig-politische Wende an. Brauchen wir eine Wende, und wenn ja, wie soll sie aussehen?</b></p><div id="native11"></div><p>Guido Westerwelle sagt viel, wenn der Tag lang ist. Er hat niemals ausgeführt, was er damit meint. Hat er damit gemeint, dass die Abstinenz zahlreicher Bürgerinnen und Bürger vom politischen Geschehen wächst? Das ist eine bedenkliche Entwicklung, die sich zum Beispiel in sinkender Wahlbeteiligung äußert. Bei den kommunalen Urnengängen liegt die Beteiligung manchmal unter 50 Prozent. Diese Entwicklung kann man nicht allein den Politikern in die Schuhe schieben, sondern dem gesamten Korpus der Öffentlichkeit, also auch den Medien. Es scheint uns nicht zu gelingen, die Bürger im nötigen Maße an Politik zu interessieren.</p><p><b>Jüngst sagte mir jemand: &quot;Aus der katholischen Kirche hört man nur das Wort Missbrauch, nun auch bei den Protestanten, die zudem eine Bischöfin haben, die unter Alkohol Auto fährt. Die in der Regierung streiten sich ununterbrochen. Woran sollen wir uns halten?&quot; Zerbrechen die Wertesysteme?</b></p><div id="mid1"></div><div id="1302451"></div><p>Nein, die zerbrechen nicht. Auch in der Vergangenheit wurden Journalisten mit Alkohol am Steuer erwischt, ohne dass man das Gefühl hatte, die Werte brächen zusammen. Zur Rolle der Kirchen: Eine geradezu tsunamihafte Austrittsbewegung gab es schon vor der Missbrauchsdebatte. Das ist wahrscheinlich der Preis einer aufgeklärten Gesellschaft, welche die großen religiösen Erzählungen nicht mehr glaubt. Das bedeutet aber nicht, dass die christlich-humanitären Werte, die die Kirchen verkörpern oder verkörpern sollten, an Wichtigkeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt verloren gehen müssen. Nur werden diese Werte nicht mehr in dem Maße von der Kanzel herab vermittelt, wie dies noch im 19. Jahrhundert der Fall war. Darüber hinaus entwickelt sich Deutschland wie alle säkularen Gesellschaften natürlich auch im berühmten Zeichen der Globalisierung hin zu einer enormen Individualisierung. Das heißt, die - nennen wir es pathetisch - Entfremdung der Gesamtgesellschaft und des Einzelnen von der Gesamtgesellschaft, von den politischen Institutionen, von den Massenorganisationen muss Konsequenzen haben und hat Konsequenzen. Die sehen dann so aus: Man geht nicht zur Wahl, nimmt nicht mehr an der politischen Debatte teil, die Politiker wissen eigentlich nicht mehr genau, was die Menschen denken, weil die auch nicht mehr zu ihren Versammlungen kommen. Es kommt zu lauter Fragmentierungen der Gesellschaft, die aber nicht so aussehen, dass ein Politiker eine geistig-politische Wende - oder wie Helmut Kohl seinerzeit eine politisch-moralische Wende - ausruft, ohne zu sagen, wohin es geht. So etwas verfängt nicht, weil es viel zu abstrakt ist und - das ist auch sehr wichtig - nicht vorgelebt wird.</p><p><b>Wenn es hieße, ab sofort kostet der &quot;Cicero&quot; nur noch vier Euro, das Ihnen zur Verfügung stehende Geld bliebe aber das gleiche. Was würden Sie mit der anderen Hälfte machen?</b></p><p>(lacht:) Zweifellos mehr Redakteure einstellen.</p><p><b>Sie schreiben, Sie engagieren sich in der Anti-Nazi-Initiative &quot;Gesicht zeigen&quot; und vieles andere mehr, waren und sind Journalist, Kritiker, Schriftsteller, Verleger, Politiker. Was haben Sie bewirkt?</b></p><p>Ich gehöre zu der Generation, die mit einem vielleicht etwas übertriebenen moralischen Überschwang glaubte, die Republik in den sechziger Jahren vor der Wiederkehr des Nationalsozialismus retten zu müssen. Das war eine völlig übertriebene und verrückte Annahme. Es gab allerdings zu der Zeit, als ich zu studieren begann, noch viele Nazi-Ideologen an den Universitäten, z.B. den damaligen Kommentator des Grundgesetzes, Theodor Maunz, der im "Dritten Reich" viele widerliche Texte geschrieben hatte. Die taten so, als ob nichts geschehen sei. Ich war damals Studentenfunktionär in München, und zusammen mit meinem Kollegen Michael Jürgs, der schon bei der "Abendzeitung" arbeitete, gelang es, den Kultusminister Maunz aus seinem Amt zu befördern. Das ist das einzige politisch erfolgreiche Ergebnis meiner journalistischen Laufbahn. Da sage ich: Ja, wir haben etwas verändert. Aber Tatsache ist: Er blieb dann doch im Amt, und sein Assistent war Roman Herzog.</p><div id="1302801"></div><p><b>Der von Ihnen als Verleger geförderte, leider kürzlich verstorbene Nobelpreisträger José Saramago schreibt eingangs eines seiner letzten Bücher &quot;As intermitências da morte&quot;, im deutschen Titel &quot;Eine Zeit ohne Tod&quot;: &quot;Wir werden bald immer weniger wissen, was ein Mensch ist.&quot; Hat er Recht?</b></p><p>Related contentDie Biologen würden natürlich massiv widersprechen, denn sie haben das Genom entziffert, sie wissen, wie fast jedes Organ funktioniert, sie entwickeln immer neue Medizin, die haben die Menschen naturwissenschaftlich mehr erforscht als sie es sich je hätten träumen lassen. Aber die gute alte Frage: Wie kommt es eigentlich, dass dieser Haufen von Molekülen, genannt Gehirn, Gedanken entwickelt, können sie nicht beantworten. Solange wir das nicht wissen, bleiben wir wesentlich mehr Mensch als Saramago sich das vorgestellt hat.</p><p><i>Mit Michael Naumann sprach Manfred Bleskin.</i></p><p><b>Am Samstag und am Sonntag sendet n-tv ein Interview mit Michael Naumann.</b></p>]]></ntv:field>
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        <i>Die deutsche Wirtschaft befindet sich im Aufschwung - und das, obwohl weltweit Rezessionsängste umgehen. Michael Naumann glaubt daher auch nicht, dass die glückliche Konjunkturphase lange anhalten wird. Mit n-tv.de spricht der ehemalige Kulturstaatsminister, der unter anderem als Chefredakteur des Magazins "Cicero" tätig ist, außerdem über Politikverdrossenheit, das Wertesystem und seinen größten Erfolg.</i>
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        <b>Noch einmal zurück zur Wirtschaft: Die Alternative zur Ankurbelung - nach Keynes - wäre doch, die Binnennachfrage zu erhöhen.</b>
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      <p>Inflationsbereinigt ist das Durchschnittseinkommen seit 1982 um 1,2 Prozentpunkte gesunken. Das ist einer der Gründe für unsere Konkurrenzfähigkeit. Die Stückkosten für unsere Produkte sind niedriger, die Qualität ist aber vergleichsweise höher. Dies wird durch die Arbeitnehmer bezahlt. Es muss jetzt einen größeren Gehaltssprung geben, um eben jenen Binnenkonsum anzukurbeln, der uns à la longue weniger abhängig macht vom Exportgeschäft, das ja wiederum abhängig ist von den Konjunkturlagen unserer Abnehmer.</p>
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        <b>Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle strebt eine geistig-politische Wende an. Brauchen wir eine Wende, und wenn ja, wie soll sie aussehen?</b>
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        <b>Jüngst sagte mir jemand: "Aus der katholischen Kirche hört man nur das Wort Missbrauch, nun auch bei den Protestanten, die zudem eine Bischöfin haben, die unter Alkohol Auto fährt. Die in der Regierung streiten sich ununterbrochen. Woran sollen wir uns halten?" Zerbrechen die Wertesysteme?</b>
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        <b>Wenn es hieße, ab sofort kostet der "Cicero" nur noch vier Euro, das Ihnen zur Verfügung stehende Geld bliebe aber das gleiche. Was würden Sie mit der anderen Hälfte machen?</b>
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        <b>Sie schreiben, Sie engagieren sich in der Anti-Nazi-Initiative "Gesicht zeigen" und vieles andere mehr, waren und sind Journalist, Kritiker, Schriftsteller, Verleger, Politiker. Was haben Sie bewirkt?</b>
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        <b>Der von Ihnen als Verleger geförderte, leider kürzlich verstorbene Nobelpreisträger José Saramago schreibt eingangs eines seiner letzten Bücher "As intermitências da morte", im deutschen Titel "Eine Zeit ohne Tod": "Wir werden bald immer weniger wissen, was ein Mensch ist." Hat er Recht?</b>
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      <p>Related contentDie Biologen würden natürlich massiv widersprechen, denn sie haben das Genom entziffert, sie wissen, wie fast jedes Organ funktioniert, sie entwickeln immer neue Medizin, die haben die Menschen naturwissenschaftlich mehr erforscht als sie es sich je hätten träumen lassen. Aber die gute alte Frage: Wie kommt es eigentlich, dass dieser Haufen von Molekülen, genannt Gehirn, Gedanken entwickelt, können sie nicht beantworten. Solange wir das nicht wissen, bleiben wir wesentlich mehr Mensch als Saramago sich das vorgestellt hat.</p>
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        <i>Mit Michael Naumann sprach Manfred Bleskin.</i>
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